„Wir vergessen nicht unsere Geschichte“

Seit letztem Sonntag steht mein Film in der BR-Mediathek, für den ich in den letzten Wochen nach Tschechien gereist bin, in den Böhmerwald, nach Brünn, nach Nordböhmen – mit einem Abstecher nach Wien, um einen wichtigen Interviewpartner zu treffen.

Vergesst nicht unsere Geschichte

Der Film war letztlich das Ergebnis meiner Recherche, mir der ich schon vor einigen Monaten begonnen hatte, mit dem Auftrag, herauszufinden, wo wir uns zur Zeit befinden auf dem Weg der Versöhnung zwischen Tschechen und Deutschen, ob die Angst vor Deutschen, die ihre alten Häuser wiederhaben wollen noch vorhanden sind. Ich stieß dabei immer wieder auf Projekte, mit denen junge Menschen – ohne Vertriebenenerfahrung aus der eigenen Familie – sich darum bemühten, die Spuren der Vergangenheit zu recherchieren, zu diskutieren oder eben einfach auch nur um sie – ohne Wertung – zu nennen. All das wurde in den Jahrzehnten des Kommunismus, nach der Wende fast verschwiegen. Die Deutschen waren Schuld am Zweiten Weltkrieg und hatten – ohne Zweifel – mehr Leid den Tschechen und vor allem auch den dort lebenden Juden zugefügt als umgekehrt.
Es wurde verschwiegen, dass in einem Drittel Tschechiens vor 1945 Deutsche lebten, deren Spuren ließ man zerfallen. Jetzt aber, 70 Jahre danach, leben Menschen in dem Land, die ihren Kindern auch erzählen wollen, welche Geschichte sich in ihrem Dorf zugetragen hat, welchen Namen das Ruinendorf im Wald einst hatte.

„Wir vergessen nicht unsere Geschichte“ sagte Jana Podskalska, eine junge Frau aus Poběžovice/Ronsperg, die sich in den Kopf gesetzt hat, das Schloss des Ortes vor dem Verfall zu retten. Auch ihre Großeltern sind nach dem Krieg hierher gezogen, wo früher hauptsächlich Deutsche und Juden lebten. Und sie – junge Mutter von neuerdings zwei 🙂 Kindern – hat sich dort heim gefühlt und wollte ihren Kindern auch irgendwann mal sagen können, welche Geschichte ihr Ort erlebt hat und wer in dem Schloss gelebt hatte. Als Bernd Posselt von der Sudetendeutschen Landsmannschaft von ihrem Engagement schwärmte, nahm ich mit ihr Kontakt auf – und musste hören, dass sie im November keine Zeit hätte, weil sie ein Kind erwartete. Geburtstermin lag Anfang Dezember oder eventuell auch früher schon. Irgendwie haben wir es dennoch geschafft, sie zu überzeugen – und gleich bei der ersten Begrüßung konnte ich die Begeisterung von Bernd Posselt gut verstehen. Sie ist in Poběžovice bekannt als gute Motivatorin, leitet dort das Tourismuszentrum und ist Vorsitzende des Vereins „Poběžovice/Ronsperg“, der sich die Rettung des Schlosses zum Ziel gesetzt hat. Gleich nachdem sie uns begrüßt hat, musste sie einräumen, dass sie möglicherweise gar nicht viel Zeit für uns hätte, weil der Arzt sie ins Krankenhaus schicken würde. Am Nachmittag kam dann die Nachricht: Das Baby wartet noch ein bissl, tut dem Bayerischen Fernsehen den Gefallen! Als wir im Schloss aufs Dachgeschoss klettern mussten – über eine Treppe, die keine Stufen mehr hatte – sagte mein Team zu ihr: Du bleibst hier, viel zu gefährlich! Hat sie drauf gehört? Nein. Das Kind hat’s trotzdem gut überstanden, seit letztem Donnerstag hat es sich – soweit ich weiß – nicht über die Anstrengung fürs BR-Team beschwert!

Bemaltes SchlossDie Anfangsszene des Filmes war keinesfalls abgesprochen oder inszeniert und dennoch: genauso wie ich mir sie zuvor gewünscht hatte! Sie schließt eine Tür eines Schlosszimmers auf – man erkennt, dass es eine Ruine ist, geht rein uns sagt einen Satz, der für den ganzen Film symbolisch wirkt – und dabei versucht sie noch Deutsch zu sprechen, mit einer Spur Unsicherheit in ihrem Gesicht. So unsicher sie auch bei den Interviews davor gewesen sein mag, für diesen Moment bin ich ihr unglaublich dankbar! Wobei wir sie eigentlich nur mit der Kamera begleitet hatten als sie uns zum ersten Mal „ihr“ Schloss zeigte, wie haben sie frei reden lassen, so wie sie wollte.

Wohin das Engagement für die Vergangenheit führen kann, zeigt das Beispiel aus Brünn/Brno in Mähren. Vor 15 Jahren hatten drei Studenten eine Deklaration formuliert, in der sie den sogenannten Todesmarsch bereuen. Bei diesem Marsch mussten 1945 fast 30.000 Deutsche von der Stadt nach Österreich laufen – ohne Verpflegung, ohne medizinische Versorgung. Mindestens 2.000 kamen dabei ums Leben. Ein Racheakt, der auch Kinder und Ältere traf. Die Studenten wurden damals belächelt – jetzt aber hat der Stadtrat und der Oberbürgermeister offiziell dieselbe Deklaration – Wort für Wort – übernommen und im Namen der Stadt Brünn veröffentlicht. Im Sommer fand so ein Versöhnungsmarsch statt.

Liska mit Deklaration

Ondřej Liška war einer der Studenten, nach seinem Studium zog er in die Politik, für die tschechischen Grünen wurde er u.a. auch Bildungsminister des Landes. Auch er nahm teil am Versöhnungsmarsch in diesem Jahr und gibt offen zu in unserem Interview: Er musste dabei weinen – als „gestandener Mann“!
Eigentlich hätte wir uns gewünscht, Liška in Brünn zu treffen, wo wir auch andere Inverviews schon vereinbart hatten. Doch er kam gerade aus den USA und hatte am nächsten Tag schon wieder Termine in Wien, wo er jetzt lebt. Deshalb entschlossen wir uns, einen halben Tag zu opfern, um von Brünn nach Wien zu fahren und ihr dort zu interviewen. Es hat sich gelohnt!

Danke auch auf diesem Weg allen meinen Interviewpartnern, meinem ganzen Team und der Redaktion Europa im BR, die diesen Film möglich gemacht hat.