Fernsehen der Zukunft: Haltungs-Journalismus?

TV sucht HaltungBei der Frage, was sich meine Freunde und Bekannten von Fernsehsendungen wünschen, höre ich immer wieder eines: Mehr Haltung! Die habe ich auch in meinen Beiträgen für die Sendung quer immer wieder versucht zu zeigen. Nicht immer fiel mir das leicht, dennoch arbeitet diese Sendung in einem Format, für das letztlich auch die Online-Kommentare der Zuschauer wichtig sind, um im Gespräch zu bleiben. Und diese Kommentare gibt es vor allem dann, wenn man eine Haltung einnimmt – und die Zuschauer eine Möglichkeit erhalten, sich einzumischen. Und Sendungen, die so gestrickt sind, sind durchaus erfolgreich. Liegt also darin die Zukunft des Fernsehens?

Haltung – welche Haltung ist da gemeint? Ein Kommentar – sei es ein Kommentar bei den Tagesthemen oder ein Videoblog von LeFloid – funktioniert ja mit einer Haltung, von der der Kommentator überzeugt ist, da trifft Meinung eher zu – und die wird letztlich damit meist auch als Einzelmeinung verstanden. Eine redaktionelle Haltung bedeutet aber, dass sich mehrere Teammitglieder einer Sendung eine Heransgehensweise für die Berichterstattung wünschen, die dann in eine Haltung mündet, die der Autor entsprechend umsetzt. Bei starken Themen (z.B. Katzen) könnte sich sicher jede Redaktion über zahlreiche Online-Kommetare freuen. Sicher ist das ein Weg, den viele Fernsehproduzenten gehen, um sich zukünftig in der Medienlandschaft zu etablieren und im Voraus auch vorbereitet zu sein für Zukunfsideen à la Social TV.

 20131202_215744Nur: Es kommt immer wieder mal vor, dass die Haltung eines Redaktionsteams nicht mit der des Reporters übereinstimmt. Wenn’s früh genug erkannt wird, kann die Redaktion einen anderen Autoren damit beauftragen. Nur, wenn sich diese neue Einsicht erst bei Dreharbeiten, in persönlichen Gesprächen mit betroffenen Menschen ergibt, denen gegenüber der Autor ja schließlich auch eine Verantwortung trägt – für die Sendung und auch für die Sendeanstalt, dann besteht ein Problem. Sollte ein Autor seine eigene Überzeugung einfach runterschlucken und die der Redaktion gegen seine eigene Überzeugung übernehmen? Sollte er versuchen, das restliche Team mit durchdachten Argumenten zu überzeugen? In einer solchen Situation möchte ich nicht stecken, für einen Autor heißt es dann nur: Friss oder stirb.

Andereseits stellt sich mir aber auch die Frage, wie könnte eine Redaktion damit umgehen? Die Frage, wie glaubwürdig ein Autor seine Sicht der Dinge schildert, kann ja auch ein lobenswerter Beitrag zu einem Filmbericht sein, der möglicherweise die Zuschauer direkt anspricht und zu Kommentaren herausfordert. Ist das ein Weg für zukünftigen Fernsehjournalismus – einem Autor auch das Urheberrecht an der Haltung zu bewahren? Ja, es gibt solche Redaktionen, die das letzte Wort in einer Filmabnahme beim Autor belassen, die in einem Fersehbeitrag ein kleines Kunstwerk sehen, das der Autor im Auftrag der Sendung erstellen durfte, aber im Entstehungsprozess hält sich die Redaktion zurück wie ein Lektor beim Redigieren eines literarischen Werkes, dessen Name nichts auf einem Buchcover verloren hätte. Die Sendung ist dann „nur“ die Verpackung, wie das Impressum eines Buches. Ich kann einerseits den Ansatz, Autoren ihr eigenes Werk erstellen zu lassen, nur begrüßen – andererseits habe ich Zweifel, ob sich so dauerhaft erfolgreicher Fernsehjournalismus betreiben lässt.

In einer immer liberaleren Welt zählt halt auch – wie in der Wirtschaft – erst mal die Marke eines Produktes, in der Medienbranche die Marke einer Sendung. Eine Sendung kann sich positionieren, wöchentlich, monatlich präsentieren lassen von bekannten Moderatoren – sie kann für etwas stehen. So wie BMW für schnelle und luxuriöse Autos steht, steht ein Politmagazin zum Beispiel für gut recherchierte Kritik am politischen Vorgehen im Land. Und eine solche Sendung tut sich leicht, über Social Media seine Rolle auszuspielen, weil sie hart Fakten präsentieren kann, die sie fast schon provokant erzählt, weil sie umstrittene Haltungen vertritt, weil sie zur Diskussion einlädt. Wie kann da ein noch so selbstbewusster Autor mithalten?

Sicher hat allein die Blogosphäre schon viele bloggende Autoren erschaffen und ihnen die entsprechende Bühne geboten, damit sie sich erst mal nicht sorgen müssen. Manche haben einen Namen. Sie sind bekannt und zeigen immer wieder eines: Haltung. Lässt sich der Kreis hier vielleicht schließen? Wenn Fernsehautoren inhaltich mithalten können mit Bloggern, wenn sie lernen, eine bestimmte Haltung in ihren Fernsehbeiträgen zu kommunizieren – warum sollten sie sich nicht auch einen Namen verschaffen? Dazu bräuchte es sicherlich Formate, die einen gewissen Spielraum erlauben, dazu bräuchte es Autoren, die auch gerne im „On“ vor der Kamera auftreten, ihr Gesicht bekannt machen, die einen persönlichen Duktus entwickeln, eine eigene Handschrift. Und Sendungen, die den Wert einer eigenen Sendungsmarke nicht gleich zu Beginn überschätzen – und am Ende aber doch davon profitieren. Wird das einer der Wege sein, die das Medium Fernsehen in der Zukunft gehen wird?