Ein Journalist, der bloggt – darf er das?

Es ist schon erstaunlich, welche Schlagzeilen die Entwicklung der Medien im digitalen Zeitalter hervorbringt: Da gibt’s Bücher, die nennen sich „Journalismus 2.0“, von „WWW 3.0“ ist die Rede, eine mediale Revolution findet statt. Mir stellt sich dabei schlicht und einfach die Frage: Muss ich meinen Job neu lernen?

Derzeit glaube ich nicht, dass das nötig wäre. Journalismus lebt doch immer noch von etwas ganz naheliegendem, was jede Nachricht zur Nachricht macht: Sie muss NEU sein. Und das geht mit Twitter schneller als mit Tagesschau. Was nicht heißen soll, dass die Tagesschau nichts mehr wert ist, im Gegenteil. Und bei Twitter liest man nur Meinungen, keine Nachrichten. Subjektivität vor Objektivität. Und ganz genau das bietet das Netz: mehr Einzelpersonen, die sich alle äußern können und sollen.

Ich als Journalist hab dabei natürlich die Aufgabe zu filtern, die Highlights der Tweets rauszufischen, und das restliche Gequatsche im unendlichen Speicherraum im Webspace verschwinden zu lassen. Und ich hab die Möglichkeit, selbst dran teilzunehmen, am Gezwitscher und an dem was ich gerade mache: am Bloggen.

Darf das ein Journalist? Muss er nicht objektiv und neutral berichten? Das würde eine Journalistin unter dem Pseudonym eigenwach verneinen, in ihrem Blog nennt sie nirgends ihren richtigen Namen, weil sie vermeiden will, dass sie als Journalistin nicht mehr erst genommen werden könnte, wenn sie ihre persönliche Meinung öffentlich kund tut – und damit erkennen lässt, dass die journalistische Distanz mit ihr nicht mehr gewährleistet sein könnte. Hmmm… Ein Stück weit könnte sie ja recht haben. Liegt die Stärke des Journalismus nicht auch darin, gegensätzliche Parteien interviewen zu können, ohne dass der Interviewpartner das Gefühl empfindet, von einem Feind befragt zu werden? Und dadurch auch ehrlicher und authentischer antworten kann?

Dennoch seh ich das nicht so kritisch. Das hier ist erst mal mein Blog. Was ich hier schreibe ist meine Meinung. Meine eigene. Und damit verhalte ich mich nicht anders, als die  KollegInnen, die jeden Abend in den Tagesthemen ihre Kommentare sprechen, oder? Natürlich, ich mach das nicht im Auftrag des Senders. Ich zahl selbst fürs Webhosting, nicht der BR. Aber dann will ich auch selbst den Inhalt gestalten können, oder? (Wie kontrovers diese Diskussion geführt wird, zeigt schon der Artikel aus der Zeitschrift Journalist aus dem Jahr 2010.)

Die Gefahr sehe ich dann als gegeben an, wenn sich ein Journalist zu bestimmten Themen, zu denen er auch eine andere journalistische Form nutzt – sei es im Hörfunk, TV  oder Print – gleichzeitig seine eigene Meinung im Blog kund tut – und die auch noch tendenziell abweicht von der Haltung, die zwischen den Zeilen seines Berichts ausgedrückt wurde. Und außerdem gehört sicher noch eine Portion Mut dazu, die mit jedem Jahr Berufserfahrung auch zunimmt.

Dennoch: Diese grandiosen Freiheiten des Netzes, warum sollten wir Journalisten die nur – wie die Kollegin eigenwach – unter Pseudonymen nutzen können? Wir sind deshalb doch keine V-Leute, weil wir es wagen, im Netz zu agieren. Zwischen Meinung und Nachricht zu trennen, macht nicht immer viel Sinn. Sein wir doch ehrlich: jeder Journalist, jeder Reporter berichtet als Mensch, jeder Mensch hat einen eigenen Erfahrungsbackground und wertet Zusammenhänge ganz subjektiv. So subjektiv, wie meine Blogs!