Das Leben ist ein Kampf

Die Nachrichten in diesen Tagen haben mir deutlich gemacht, dass Michael Schumacher und ich seit Sonntag noch mehr Gemeinsamkeiten haben als bisher. Wir haben ungefähr das selbe Alter, kommen beide aus Nordrhein-Westfalen und nun das: Schweres Schädel-Hirn-Trauma, Lebensgefahr – so hieß es auch in meinem Fall in den Münchner Lokalzeitungen. Die ersten Tage auf der Intensivstation waren für meine Familie die grauenhaftesten: Zeiten, in denen völlig unklar war, ob ich – wenn ich überlebe – irgendwann mal wieder beruflich tätig sein könnte. Zu dieser Zeit war Ärzten und Angehörigen die Stabilität des Hirndrucks wichtiger als meine berufliche Zukunft. Dass ich jetzt wieder arbeite, als Journalist mit Sprache umgehen kann, dass ich einen Blogeintrag darüber schreiben kann, hätten damals einige Ärzte nicht prophezeit. Dass es mir dennoch einigermaßen gelungen ist, lag vielleicht auch daran, dass ich ein Kämpfer bin – und vor fünf Jahren gerade deshalb vom Kampf nicht ablassen konnte. Ich habe meine Geschichte zwei Jahre später in einem Radio-Feature erzählt, auch mit dem Bedürfnis, anderen ähnlich Betroffenen ein wenig Hoffnung zu vermitteln. Wer eine halbe Stunde Zeit opfern möchte, kann hier noch mal reinhören. Die kürzere, aktuellere Version gibt es hier:

Am 28. September 2008 hat sich mein Leben verändert. Einen Tag nach unserer Einweihungsparty in unserem neuen Haus, nachdem wir aufgeräumt hatten und danach zur Stimmabgabe für die Landtagswahl zur nahegelegenen Grundschule gelaufen waren, machte ich mich auf den Weg zur Theresienwiese zum Betriebsausflug der Redaktion quer aufs Oktoberfest. Vor dem Schottenhamel-Zelt waren wir verabredet, trafen uns vor dem Eingang, bezogen unsere Plätze und tranken Bier. Ich hatte meinen alten Walkman mitgebracht, lauschte ab 18 Uhr den Wahlprognosen über den Kopfhörer und fungierte alle 20 Minuten als Lautsprecher. An all das erinnere ich mich heute noch. Den Rest erzählten mir Kollegen: dass ich nach der ersten Maß auf die Toilette gegangen bin, dass ich vermisst wurde, weil ich nicht zurück kam, dass zufälligerweise ein Kellner auf der Toilette war, als ich ausrutschte – auf rutschigen Sohlen und nassem Boden. Dieser Kellner leitete umgehend die Notfallmaßnahmen ein. Ich muss mit dem Schädel gegen die Pissrinne gestoßen sein, mit voller Wucht. Schweres Schädel-Hirn-Trauma und Hirnblutungen waren die Folgen.

Ich selbst war nach dem Sturz bewusstlos und lag später im Krankenhaus, erst mal im künstlichen Koma. Während ich in einer anderen Welt „herdimmerte“, musste meine Familie die Ungewissheit ertragen. Meine Frau wurde von einem Kollegen benachrichtigt, während sie gerade das Ende vom Tatort im Fernsehen sah. Als sie im Krankenhaus eintraf, war sie geschockt und verwirrt von den Aussagen der Ärzte: „schwere Hirnverletzung“, „muss operiert werden“, „Operation kann warten“. Bald wurde mir eine Sonde zur Messung des Hirndrucks eingepflanzt, deren Ergebnisse entscheidend waren für die Frage, ob eine Hirnoperation nötig ist oder nicht. Zehn Tage hat es gedauert, dann waren die Zahlen immer noch hoch und mein Schädel wurde aufgesägt, das Blut wurde abgepumpt – und die Medikamente erlaubten mir wieder, die Augen zu öffnen.

Tatsächlich nahm ich das Öffnen meiner Augen zu dieser Zeit aber nicht als Wachzustand wahr – ich lebte in Träumen. Befand mich im Weltall, um das Geschehen auf der Erde zu beobachten, in einem Zimmer zur Miete, in dem ich mit meiner Frau im Fernseher die Wiesn verfolgte, in einem Raum voller Ärzte, ich selbst hatte lauter Kabel an mir. Als ich mich viel später für das Radio-Feature zum Interview mit einem Arzt in dem Behandlungsraum der Intensivstation befand, war ich verblüfft, dass ich diesen Raum kannte – aus meinem Traum.

Ich lernte langsam wieder Bewegungen, den Arm zu heben, mich hinzusetzen, wurde im Rollstuhl von meinen Eltern oder meiner Frau geschoben. Doch mein scheußlichstes Handicap war ein anderes: Ich konnte kein Deutsch mehr. „Ja“ oder „nein“ war am Anfang alles, was ich sagen konnte. Doch Sinn hat das auch nicht immer gemacht. „Willst du ins Badezimmer gehen?“ – „Ja“ – „Oder willst du lieber im Bett bleiben?“ – „Ja“ Sprachverlust! Nach einem Monat fragte meine Frau am Telefon, was sie denn mitbringen solle ins Krankenhaus. Meine Antwort: „Die Renitenten aus dem fränkischen Schneider!“ Mir ist heute noch schleierhaft, was ich damals gemeint habe, meine Frau brachte mir dann einen neuen Schlafanzug mit. Sobald ich wieder gelernt hatte zu schreiben, verfasste ich einen Text über den Abend des Unfalls:

„Meine Kollegen aus der BR-Anstalt wollten die Ehrenlage in der Fortgang der quer-Quelden. Agressionen.. Dieses ist hatt uns auch geloben geflohen geholfen. Zu Anfang trafen wir in der unserer wohlsinniger „querulanten“-Partei Anhänger vor der Türe auf dem Oktoberfest. Wir warten uns kaum reinen sondern berieten wurde unserer Ke Jetzt-Angriff mit einer konsequenten Pflege. Diese mischten sich ein mit dem peseudo-politischen Pulblizist, welcher uns für die nächsten Stunden aufs gelassene gemach die Sitzplätze gerecht wurde. Dorthin sind wir eingelegen ziemlich eingefroben hingehört. Die Musik war anständig, das BPilsbier war gescheit.

Ich war recht durstig und wollte eine Denke Pause gegehen gelegen. So ging ihren auf war an ich ihrem Soalor den Kannede auf den kürzeren Herren-Klo – das geist er sah so ohne, welcher vor mir recht genau genau gellert wurde. Das restlich an Doppelandend lag außen herum. Und so kam mein letztlicher Umsturz auch restlich an den Normalmalteil.“ (Die durchgestrichen Worte habe ich dem Original genauso entnommen)

Später kamen die Kollegen zu Besuch. Nachdem sie meinen Sprachversuchen gelauscht hatten, nannten sie diese Spracherfindung „Nilsisch“ – so spricht nur Nils. Ein Sprachtherapeut musste sich mir widmen.

Einige Monate später stand die Wiedereingliederung ins Berufsleben auf dem Genesungsplan. Erste Versuche, wieder am Arbeitsplatz zu erscheinen und tatsächlich journalistische Inhalte zu erfassen waren für mich damals große Herausforderungen. Zwei Tage pro Woche jeweils zwei Stunden – so fing es an. Danach kam ich völlig kaputt heim. Nach ein paar Wochen wurde meine Arbeitszeit verlängert, über ein halbes Jahr ging das so, bis ich genau ein Jahr nach meinem Unfall offiziell nicht mehr krank geschrieben war und als festangestellter Redakteur für die Sendung quer arbeiten durfte.

Kollegen und Familienmitglieder meinen jetzt, man höre mir fast keine sprachlichen Unterschiede im Vergleich zum „alten Nils“ mehr an. (Körperlich hatte ich schon bald keine Beschwerden mehr.) Wer es nicht wisse, bemerke meine Unsicherheiten bei der Wortfindung nicht mehr, wenn es die denn überhaupt noch gäbe. Am Anfang hatte ich die Schwierigkeit, dass ich in den Sitzungen zu lange brauchte, um meine Meinung zu äußern. Jedoch gehören im Fernsehjournalismus Sitzungen und Besprechungen zum Tagesgeschäft. Dabei meinen Standpunkt zu vertreten musste ich mir wieder hart erarbeiten – und heute noch bin ich mir nicht sicher, ob ich wieder da bin, wo ich gerne sein möchte.

Eine echte Wiedereingliederung ins Leben, sich wieder selbst zu finden ist ein langer Prozess, der dauert länger als ein Jahr, vielleicht sogar bis ans Lebensende. Immer wieder gerate ich an Punkte, bei denen ich mich frage: Wie hättest du das gemacht, wenn du damals keinen Unfall gehabt hättest? Wenn du nicht ausgerutscht wärst? Zum Glück aber nicht mehr so oft wie vor vier oder fünf Jahren.

In meinem Radio-Feature hatte ich 2010, also zwei Jahre nach dem Unfall, Ärzte, meinen Sprachtherapeuten, Kollegen und vor allem auch meine Frau interviewt. Das Feature diente letztlich auch dazu, meinen Job wieder durchzuführen, Geschichten zu erzählen – und wie ein Täter bei der Rückkehr zum Tatort, das ganze Geschehen noch einmal therapeutisch zu durchleben. Das tat ich bereits im Krankenhaus mit dem Versuch, den Unfalltag in Worte zu fassen, dann noch mal am 8.1. 2009 mit einem Mikrofon als Audioaufzeichnung, in der ich wieder als allererstes versuchte den Unfalltag zu beschreiben. Es folgten die Hörfunkvariante oder im September 2013 – fünf Jahre nach dem Unfall – ein Blogeintrag. Deshalb schließe ich nicht aus, dass es irgendwann mal in einer anderen Form eine neue Version der selben Geschichte geben könnte.

Das Radio-Feature nutzen immer noch Therapeuten bei ähnlich betroffenen Patienten, die in derselben Klinik behandelt und auf den Einstieg ins Berufsleben vorbereitet werden. Alle zwei Wochen gibt es dort ein Treffen im kleinen Kreis mit vier, fünf Patienten und einer Therapeutin, besprochen werden Probleme und auch Fortschritte in dieser langen Phase der Wiedereingliederung. Dann wird das Feature gelegentlich auf CD nachgehört, wie mir die Therapeutin vor Kurzem erzählte. Die Reaktionen seien gemischt, sagt sie. Einige Patienten bewundern meinen Mut, andere wiederum fragen sich, warum es ihnen nicht gelingt. Im Feature hatte ich auch erwähnt, dass ich bei meinem Arbeitgeber, dem Bayerischen Rundfunk, bestens versorgt war – andere haben da größere Probleme.

Das Leben ist ein Kampf. Und dieser Kampf ist noch lange nicht beendet, wenn ein Journalist bei einer erfolgreichen Sendung arbeitet oder ein Rennfahrer WM-Titel anhäuft. Nein, die Bereitschaft, den Kampf anzunehmen, nicht aufzugeben, hat mich damals gerettet und rettet mich heute immer wieder – auch bei Dingen, die nichts mit meinem Unfall zu tun haben. Die Pfleger und Arzthelfer meinten damals am Anfang beiläufig: „Der ist doch noch jung, das wird schon!“ Vielleicht hatten sie recht. Ich hoffe für Schumis Angehörige, dass sein Skiunfall eines Tages das sein wird, was mein Unfall für mich ist: Ein schlimmes Ereignis, gegen das man am Anfang gerne kämpft, aber mit dem man mit der Zeit dennoch Frieden schließen kann – auch wenn das damit verbunden ist, immer wieder von dieser Geschichte zu erzählen …