Das Ende Bosniens, wie wir es kannten?

Es tut sich was in Bosnien und Herzegowina. 18 Jahre nach Kriegsende scheinen viele Bürger die Nase voll zu haben von den Auswirkungen der gegenseitigen Blockaden der Politik. Funktionierende Regierungen gibt es dort nicht, stattdessen mindestens 126 Minister, die fürs Nichtstun auch noch gut bezahlt werden. Viel besser zum Bespiel als die Landwirte – und die haben zur Zeit mit einer Folge dieses Nichtstuns zu kämpfen: Seit Kroatien der EU angehört, können viele ihre Ware nicht mehr exportieren und müssen die Lebensmittel den Schweinen zum Futter vorwerfen. Die bosnischen Behörden hatten es nicht geschafft, rechtzeitig Rechtsgrundlagen zu schaffen, die einen grenzüberschreitenden Handel weiterhin ermöglichen würden. Im Oktober habe ich zuletzt fürs Bayerische Fernsehen dieses Land mit Kollegen besucht und entsprechende Eindrücke sammeln können.

So trafen wir den Landwirt Grgo auf dem Großhandelsmarkt in Čapljina, unweit der kroatischen Grenze. Vor dem 1. Juli kamen regelmäßig Kunden aus dem Nachbarland – Restaurantbetreiber, Supermarktinhaber – und erwarben dort paketweise Gemüse und Obst. Gerade diese Gegend in der Herzegowina ist bekannt für ihren fruchtbaren Boden. Jetzt aber stand Grgo vor seinem vollgepackten LKW und wartete vergeblich auf Kundschaft. Seit dem 1. Juli können die Kroaten nicht mehr problemlos ihre Ware aus Bosnien nach Kroatien importieren – demzufolge kamen sie gar nicht mehr. Ich habe Grgo begleitet, als er heimfuhr, auf seinen Hof. Dort zeigte er mir seine Kraut- und Tomatenfelder: Er konnte nicht verhindern, dass ein großer Teil dort verdorrte. „Ich weiß nicht, was ich damit tun soll. Meine ganzen Tomaten müssen verderben oder ich verschenke sie an jemanden, der sie noch gebrauchen kann. Es ist nicht zum Anschauen. Ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals so um unsere Produkte stand wie in diesem Jahr.“ Jetzt muss er die Lebensmittel entsorgen lassen oder den Schweinen zum Fraß vorwerfen. „Die EU bringt uns noch um!“, meint Grgo. Die Verantwortung allein der EU zuzuschieben, wäre nicht richtig. Der Pressesprecher der EU-Delegation in Sarajewo machte klar, dass in den letzten Jahren Millionen von Fördergeldern nach Bosnien geflossen sind, allein um die Behörden entsprechend vorzubereiten. Nur müsse auch Bosnien endlich seine Hausaufgaben machen. Immerhin hatte Landwirt Grgo die Grenzproblematik vorausgesehen, war schon vor Monaten in der Hauptstadt Sarajewo gemeinsam mit anderen Landwirten gewesen, um dort zu demonstrieren. Ohne Erfolg.

Bisher gab es in ganz Bosnien und Herzegowina zwei Landwirtschaftsverbände: einen für die Föderation von Muslimen und Kroaten und einen für den serbischen Teil. Das hieß, Forderungen der Landwirte, die ganz Bosnien betrafen, wurden immer nur über die Regierungsabteilungen der Förderation und der serbischen Republik abgehandelt – und dabei geschah, was mit fast allen gesamtbosnischen Problemen bisher geschehen ist: Nichts. Doch die Landwirte haben jetzt erkannt, dass es so nicht weitergehen kann und haben sich zusammengeschlossen. So  trafen wir Slavko Inić, Präsident des Bauernverbandes der bosnischen Serben und Kadrija Tahmaz, der den Verband der Föderation vertritt. Wer nicht wusste, woher sie kamen, hätte sie für gute Freunde gehalten, wie sie sich bei der Begrüßung herzlich umarmten. Seit einem halben Jahr arbeiten sie  zusammen, verfügen jedoch im Moment noch über kein Büro. Deswegen mussten wir für dasTreffen in ein Cafe in Sarajewo ausweichen. Sie waren sich einig: Politiker auf beiden Seiten hatten die Landwirte über zwei Jahrzehnte hinweg belogen. „Das Ziel der Politiker war es, uns zu zeigen, dass wir nicht einheitlich sind. Sie haben aber nur Märchen erzählt. Wir haben lange dran geglaubt, dass sie etwas Sinnvolles tun würden. Ihnen hat es gut gepasst, dass wir nicht einheitlich waren: So konnten sie uns manipulieren. Damit erreichen sie ihre Ziele. Sie werden reicher – und wir gehen unter“, sagte Tahmaz. Nun fordern sie etwas, was für dieses Land völlig neu wäre: ein Landwirtschaftsministerium für die ganze Nation.

Bauern erkennen, dass eine gegenseitige Blockade nichts nützt und arbeiten zusammen. Zusammenarbeit der verschiedenen Ethnien gab es in Bosnien aber in den letzten Monaten schon öfter. So im Frühjahr, als es die nationale Regierung nicht schaffte, eine neue Personenregisternummer einzuführen, was schon längere Zeit vom Gericht beanstandet wurde. Die Folge: Kein Bosnier konnte ohne weiteres ins Ausland reisen, einem Baby wurde lange verweigert, für eine dringende Behandlung Hilfe in Deutschland zu suchen – die bosnische Regierung konnte sich nicht einigen. Die Bürger wollten sich das nicht gefallen lassen und gingen mehrmals auf die Straße. Die „Bebolucija“ war geboren (von „beba“ = Baby) und hatte Erfolg. Irgendwann wurde endlich ein Beschluss gefasst und das Kleinkind durfte ausreisen.

Dann fand im Oktober eine Volkszählung statt. Überall hingen Plakate, die dafür warben. Womit allerdings viele Bosnier nicht einverstanden waren, war dass jeder Bürger nennen sollte, welcher Ethnie er angehört. Viele weigerten sich mit der Befürchtung, die Ergebnisse dieser Zählung könnten von der Politik ausgenützt werden, um mit Zahlen zeigen zu können, dass in der serbischen Republik fast ausschließlich Serben leben und damit wieder einmal einen Anschluss an die Republik Serbien zu fordern. Auch die muslimischen und kroatischen Politiker wollten ihren Nutzen daraus ziehen und forderten von den Bürgern eine Bekennung zu ihrer Ethnie. Viele Bosnier weigerten sich auch da und gaben einfach neutral an, sie seien „Bosnier“ – oder „Marsianer“, was für den Zustand dieses Landes nicht wirklich unrealistisch erscheint.

Zwei Mitarbeiterinnen einer NGO Green Council, Sanela Klarić und Selma Agović, hatten die ganze Bewegung in Bosnien verfolgt und schätzen die Situation sehr optimistisch ein. Vor allem im Hinblick auf die nächsten Wahlen sagten sie voraus, es würde sich noch einiges tun und einiges ändern, an dem Bild von Bosnien, dass wir im Ausland bisher hatten. „Junge Leute haben den Mut. Sie wollen auch etwas mitteilen und haben auch die technischen Möglichkeiten, ihre Nachrichten zu artikulieren. Wir glauben fest, dass Bosnien im nächsten Jahr anders sein wird, als wir es bisher kannten.“

Ich hoffe selbst, dass diese Prognose stimmen könnte. Immer wenn Menschen an Haut und Haaren zu spüren bekommen, was Politik für sie bedeutet, wenn die Existenz des Bauern bedroht ist, wenn ein Kind droht zu sterben, reagieren sie und stecken nicht den Kopf in den Sand. Ich hoffe, dass es in den nächsten Monaten noch mehr solcher Momente geben wird in Bosnien und Herzegowina. Dieses Land hat es beileibe nicht verdient, einfach stehen zu bleiben. Im Gegenteil: Wenn es in ferner Zukunft mal irgendwann bei der EU anklopfen sollte, wäre aus meiner Sicht eine Meisterleistung vollbracht – für Bosnien wirtschaftlich und für die EU symbolisch. Und das kann nur gelingen, wenn sich die Bürger Gehör verschaffen.

Meine Kollegin Susanne Glass hat darüber einen Bericht produziert für den euroblick im Bayerischen Fernsehen.