Selbst ist der (Kamera-)mann…

Ich bin ein großer Freund technischer Spielereien, hab mich schon als Praktikant selbst an die Kamera gewagt, war später oft als VJ unterwegs, vor allem im Ausland, sowie gelegentlich – je nach Thema – auch in Bayern. Hier ein Beispiel:

Hundeattacken: Leinenpflicht ohne Wirkung?

 

Verfüge über eine Panasonic-HPX250-Kamera inkl. Zubehör, sowie über die Schnittsoftware Avid Media Composer 6.

 

Eierlegende Wollmilchsau?

Es gibt in der Medienbranche immer wieder das Gerücht, ein VJ (Videojournalist) sei eine Multifunktionsalleskönner, eine Person, die alle Zwecke erfüllt  – Autor, Kamerateam und Cutter in Personalunion. Und damit sehr kostengünstig, wenn auch die Sendequalität darunter nur leidet. Mag schon sein, dass mancher Fernsehsender jede mögliche Einsparmöglichkeit gerne nutzt. Dennoch: Diese Rolle will ich auf keinen Fall erfüllen!

Zum einen denke ich, ein tolles Kamerateam, welches man bei öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten problemlos bekommt, macht enorm viel aus bei der sinnlichen Umsetzung von Geschichten fürs Fernsehen. Außerdem ist es so wertvoll, einen Kollegen bei sich zu wissen, der im entscheidenden Moment das Richtige filmt, während der Autor selbst gerade mit anderen Dingen beschäftigt ist. Und selbst bei aktueller Berichterstattung unter enormem Zeitdruck kann die entsprechende Arbeitsteilung sehr hilfreich sein.

Dennoch: Ich bin überzeugt, es gibt Anlässe, bei denen die Nutzung der eigenen Kamera wahnsinnig nützlich sein kann. Ein Argument gehört ja inzwischen schon zu den VJ-Legenden, bei denen immer betont wird, dass durch die Reduktion des Teams mehr Nähe geschaffen wird zwischen Autor und Betroffenem. Aus meiner Erfahrung muss ich sagen: Das ist was Wahres dran. Was in meinem Fall manchmal auch in einer beinah freundschaftliche Beziehung mündete. Mit manchen „Protagonisten“ hab ich zum Teil immer noch guten Kontakt, mit denen ich vor vielen Jahren als VJ gedreht, Reisen unternommen  habe, abends auf ein Bier zusammengesessen bin. Zum anderen entsteht gerade im Ausland – wenn man auch die Sprache beherrscht – gegenüber den Interviewpartnern das Gefühl, „da interessiert sich jemand für uns“. Ich bin überzeugt, wenn ich mit Kollegen – in einem Bus voller Kamera-Equipment – unterwegs gewesen wäre, hätte das anders ausgesehen. Die Macht des Fernsehen, des Senders, für den man arbeitet, die Macht des Autoren, der dem Kamerateam Anweisungen gibt – all das geht dabei verloren. Doch die Zeiten, in denen Interviewpartner bei einem bevorstehenden Dreh ein ganzes Dorf in Aufruhr versetzten, weil bald ein Fernsehteam kommen würde, die sind lange vorbei. Die Kamerateams von heute sind die Jugendlichen, die auf ihren Smartphones kleine Clips für Youtube drehen – und manchmal auch bei Situationen, in die sich kein öffentlich-rechtlicher Kameramann hinein gewagt hätte (Arabischer Frühling).

Mit letztem hätte ich – mit Frau und Kindern – auch meine persönlichen Schwierigkeiten, dennoch: Ich hab’s jedenfalls gewagt, auch aus Gegenden zu berichten, in denen Recht und Gesetz im Alltag nicht überall präsent sind (Osteuropa, Ex-Jugoslawien, Nordirland). Natürlich ist mir klar,  dass ein solches Drehprojekt – ohne Kollegen, die einem im Notfall beiseite stehen – durchaus mit Risiken verbunden ist. Furcht davor hatte ich nicht, hab nur versucht, das „Was-wäre-wenn“ mit Kopien meiner Papiere und Versicherungen zu minimieren.

auf der Lauer…

Ein anderer Vorteil ist die Möglichkeit, sich für längere Zeit – mit einer Kamera ausgerüstet – für ein bestimmtes Thema „auf die Lauer“ zu legen, wenn es keine festen Termine gibt, wenn sehr viel Zufall mit im Spiel ist, wenn sich nicht vorhersagen lässt, wann genau entscheidende Situationen für einen Beitrag geschehen. Dies traf zum Beispiel auf den Leinenpflicht-Beitrag (s.o.) zu. Zu diesem Zweck ein professionelles Kamerateam anzuheuern, würde sich für keinen Sender lohnen.

Und ja, ich muss zugeben, der größte Reiz am „selber drehen“ ist, dass die Kamera, die fast wie ein Spielzeug arbeitet, helfen kann, einen Film zu erstellen – einen Filme, der ein Teil des Autors ist, eine Art künstlerischer Selbstbeweis: Das ist MEIN Film!

Doch für Kunst steht im Fernsehalltag nicht immer viel Sendezeit zur Verfügung. Und sie ist ja meist auch Geschmackssache. Letztlich bin ich völlig dagegen,  bei jeder Gelegenheit die eigene Kamera zu nutzen und von Autoren zu erwarten, dass sie sie immer griffbereit im Kofferraum ihres Autos haben. Professionelle Kamerateams gehören zu den USPs des öffentlich-rechtlichen Fernsehens! Wenn es aber einen entsprechenden Grund gibt –  bei unvorhersehbaren Ereignissen, bei Drehterminen, die eine gewisse Ausdauer verlangen, die eine gewisse Nähe zu Protagonisten voraussetzen, oder die tatsächlich zum Experimentieren herausfordern – wäre es falsch auf diese einfach umsetzbare Möglichkeit zu verzichten. Je wichtiger das „was“ ist, umso unwichtiger wird das „wie“. Oder: Bei der Essenz eines Beitrags, einer Dokumentation, einer Reportage geht es immer nur darum, den Inhalt zu vermitteln, je stärker dieser Inhalt wirkt, umso unwichtiger ist die Verpackung, und damit letztlich auch die Sendequalität des Bildes.